Steuern sparen beim NDR

Ein Schiff liegt im Hamburger Hafen. „The World – Residences at Sea“ und das zieht Reporter des NDR magisch an. Hier.

„Warum wohnen die Passagiere auf dem Schiff? Vielleicht aus Steuergründen?“ und „Wer sich mehr als 183 Tage auf See aufhält … braucht in keinem Land der Welt Steuern zu zahlen“ und „Ist das Schiff vielleicht eine schwimmende Steueroase?“ – so beginnt eine NDR-Dokumentation, die an Peinlichkeit schwer zu toppen ist. Zwei Journalisten beschließen bei Steuern zu „Tricksen wie die Großen“ und offenbaren 45 Minuten lang ihre völlige Ahnungslosigkeit.

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Quelle: cruisemapper.com

Es ist der übliche Lieschen-Müller-Ansatz:

  • Warum muss ein Großkonzern prozentual weniger Steuern zahlen als mein Mini-Unternehmen?
  • Und warum helfen dem Konzern bei der Ausarbeitung von länderübergreifender Steueroptimierungskonzepten die großen Beratungsunternehmen und wenn mein Mini-Unternehmen anfragt, kommt nicht einmal eine Antwort?
  • Und warum sagt der Finanzbeamte am Telefon „O mein Gott“ wenn ich frage, ob ich für meine Minifirma mit 10.000 Euro Vorsteuergewinn eine Sonderregelung aushandeln kann, wie ein Großkonzern?

Um solche Fragen zu beantworten, braucht es natürlich Spezialisten. Der LINKE EU-Abgeordnete Fabio de Masi findet das ebenso ungerecht und argumentiert im Film ernsthaft, dass die Klofrau im EU-Parlament ja auch keine Forderung nach steuerlicher Sonderbehandlung aufmachen kann.

Es ist noch viel schlimmer, Herr EU-Abgeordneter: anders als Sie bekommt diese ehrenwerte Frau nicht einmal 300 Euro steuerfinanziertes Sitzungsgeld zusätzlich zu ihrem Gehalt nur dafür, dass sie sich einmal am Tag als anwesend in eine Liste einträgt.  #aufschrei

Schwer vorstellbar, aber wenn dieser NDR-Beitrag so etwas wie investigativer Journalismus gewesen sein soll, etwa so wie hier beschrieben, dann lasst euch das Lehrgeld zurückgeben. Ernsthaft.

 

Unter Wind nach Venezuela

Am 22. Januar 2008 setzte die Beluga SkySails im wahrsten Sinne des Wortes Segel und schipperte von Bremen nach Venezuela. Die Presse überschlug sich vor Begeisterung, konnte man doch jetzt mit Windkraft-Nutzung Schweröl sparen, massiv die Kosten senken und nebenbei noch das Weltklima retten.

 

skysail-beluga-kite-ship

 

Aus Umweltschützer-Sicht klingt das toll, aus dem Blickwinkel eines Ingenieurs eher nicht so sehr.

Die Berichterstattung über die Jungfernfahrt war begeisternd, aber seitdem habe ich nichts mehr von dieser wegweisenden Idee gehört und im Panamakanal habe ich auch noch kein einziges Frachtschiff hinter einem Kite-Segel gesehen.

Heute nun lese ich bei n-tv etwas über Beluga und ich erinnere  mich dass da was war. Keine Erfolgsmeldung dieses Mal:

 

beluga_ntv

 

Die Reederei ist seit 2011 insolvent: Scheinumsätze, Bilanzfälschung etc.

Mir egal.

Nicht egal ist, dass es wohl keinen einzigen Journalisten mehr gibt, der sich solche aufgeblasenen Klimaretter-Geschichten mal auf „Wiedervorlage in 5 Jahren“ legt und berichtet, wie es weiterging. Klar gab es in 2011 überwiegend regionale Zeitungsmeldungen zur Insolvenz und in 2016 im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Beluga-Manager auch überregional. Kein einziger der Artikel die ich diesbezüglich gesichtet habe, erwähnt das SkySail-Thema auch nur am Rande.

Wer als Journalist damals Jubelmeldungen geschrieben und später nicht über das Scheitern berichtet hat, hat einfach seinen Beruf verfehlt.

Mir persönlich ist die Begeisterung für Retro-Energiegewinnung mittels Segel und Windmühlen, ob am Boden, auf See oder in der Luft verankert, von Anfang an völlig unverständlich gewesen. All diese Konzepte sind nichts anderes als Verbrennen von Geld, das anderswo nützlich angelegt werden könnte und Verschwendung von F/E-Kapazität. Wer es nicht weiß, das Zauberwort zum Verständnis heißt „Energiedichte“.

Während man in Deutschland Segel zum Kraftstoffsparen entwickelt, hat man in den USA die Öl- und Gasgewinnung zum Hightech-Verfahren gemacht, die Weltmarktpreise halbiert und ganz nebenbei dank dem verstärkten Einsatz von Erdgas den CO²-Ausstoß reduziert.

Keine Sternstunde des Journalismus

Stellen Sie sich vor, jemand geht heute zum Notar und gründet eine GmbH.

Nachdem ihm die Registrierungsunterlagen vorliegen, begibt er sich zum Sitz des Notars und verkündet den anwesenden Mitarbeitern, dass dies ja nun sein Büro sei und er mit dem Notar über seine weiteren geschäftlichen Absichten reden wolle.

Als die ihm verständnislos die Tür weisen, ist für ihn klar, dass so eine GmbH-Gründung nichts anderes als ein großer Schwindel und außerdem gefährlich ist.

Sie denken ich halluziniere? Niemand käme auf so eine abwegige Idee?

Doch, wenn man beim NDR den Beitrag „Im Schatten der Offshore-Firmen“ produziert.

Der investigative Journalist wollte es genau wissen.

Er ordert in Panama eine Firmengründung. Nachdem ihm die Registrierungsunterlagen vorliegen, reist er dorthin und sucht die angegebene Adresse der Gründungskanzlei auf, wo er sein neu registriertes Unternehmen zu finden hofft.

Er wandert zunächst durch benachbarte leere Büroräume und ist enttäuscht. Seine Recherche hatte ergeben, dass da 6.000 Firmen ihren Sitz haben.

Dann wird es ganz peinlich:

Am Empfangstresen der Anwaltskanzlei erklärt er der jungen Frau, „Das hier muss doch meine Firma sein, is this my company, ich habe alle Unterlagen dabei.“

Auch als die junge Frau ihm freundlich erklärt, dass dies nur die lokale Registrierung sei, bleibt er hartnäckig: „Ich habe es hier schriftlich. Ich bin der Eigentümer. I want to talk with somebody about the business, what can we do, what are the next steps.“

Jetzt weiß ich wie Fremdschämen sich anfühlt.

Seine umwerfende Schlussfolgerung: „In einer leeren Etage, eine Briefkastenfirma, mit der ich die schlimmsten und profitabelsten Sachen machen könnte, ohne dass das zu Hause einer merkt.“

Da kann einem wirklich Angst werden.

P.S. Den Film findet man in der ARD Mediathek.

 

Journalistische Glanzleistung bei Welt Online

„Amerika kann sich seine Highways nicht mehr leisten“ titelt ein Beitrag in der Welt Online von heute.

Zuerst aber Panama: Vor wenigen Tagen war zu erfahren, dass die Straße entlang der Azuero-Westküste vierspurig erweitert werden soll. So wie das hier läuft, wird es wohl in 2 Jahren erledigt sein. Gute Nachrichten für alle, die in dieser eher abgelegenen Gegend investiert haben. Das als Ergänzung zu meinem Beitrag „Unter Vollmond an Panama’s Goldküste“ vom 6. März 2015.

Tina Kaiser schreibt heute auf Welt Online (www.welt.de) „Amerika kann sich seine Highways nicht mehr leisten“ und meint damit wohl die USA. Die angeblich marode US-Infrastruktur ist ja ein beliebtes Thema der deutschen Medien. Es gibt da unübersehbar einen „großer-Bruder-Komplex“, wo man sich über jede Kleinigkeit freut, die zeigt, dass bei dem doch nicht alles so toll ist. Verstanden.

Bemerkenswert sind zwei der drei Bilder mit denen die Welt ihre These untermauert:

Eine aufgegebene Straße in Pennsylvania unter der seit Jahrzehnten ein Kohleflöz brennt:

welt_kohle

Ein durch Erdbeben beschädigter Highway bei San Francisco:

welt_erdbeben

Ist das jetzt nur unsäglicher Journalismus oder schon dümmliche Manipulation? Vermutlich beides.

Wer die US Highways, Flugplätze, Wohnviertel und Firmengebäude aus eigener Anschauung kennt, kommt möglicherweise zu anderen Schlüssen. Hier ein exzellentes Video sowie ein paar Fakten zur massiven US-Infrastruktur:

Flugplätze: 13.513 (#1 weltweit)

Straßennetz: 6.586.610 km (#1 weltweit)

Schienennetz: 224.792 km (#1 weltweit)

Wasserstraßen: 41.009 km, davon kommerziell genutzt 19.312 km

Frachthäfen: 14

Kreuzfahrtterminals: 8 (5,5 Mio. Passagiere)

Pipelines (Gas): 1.984.321 km

Pipelines (Petrol): 240.711 km

Gebäude: 32 US Städte haben mehr als 100 Hochhäuser (>12 Geschosse)

Im vorbildlichen US-Schulbus-System werden in 486.000 speziellen Bussen täglich 28.8 Mio. Schulkinder befördert.

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So, jetzt habe ich mich ja mal wieder als Ami-Freund geoutet. Hoffe es hat trotzdem Spaß gemacht zu lesen.

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