Spezialisten leisten Besonderes

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich heute in Welt Online nicht nur die Überschriften überflogen, sondern zwei Artikel in Gänze und in Ruhe gelesen. Erbauend.

Thematisch haben die Artikel scheinbar nichts miteinander zu tun. Bei Lichte betrachtet gehören sie in ein und diesselbe Kategorie, in der sich jeden Tag mehr Material ansammelt. Den Titel hat Tilo Sarrazin schon im Jahr 2010 formuliert: Deutschland schafft sich ab.

Die harmlosere Meldung ist diese:

Wundert sich irgend jemand ernstlich darüber, dass Arbeitsgruppen von Ministerialbeamten und IT-Spezialisten monatelang tagen, um am Ende eine hochnotpeinliche SMS zu erfinden, die nicht nur ihren Zweck nicht erfüllt, sondern beim Empfänger nur Konfusion und ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen kann? Sind SMS jetzt etwa auch noch Neuland?

Nebenbei, was ich heute früh noch ungehindert lesen konnte, verbirgt die Welt jetzt hinter der Bezahlschranke. Wertiger Content also, nur für zahlende Gäste.

Die zweite Meldung ist bedenklicher und deshalb unter „Regionales“ versteckt worden:

Audi-Mitarbeiter nannten sich bisher intern wohl Audianer, was toxisch männlich klingt. Deshalb wird es jetzt um die weibliche Komponente Innen erweitert. AudianerInnen also, sollte man denken. Weit gefehlt, denn es gibt ja noch alle möglichen anderen sexuellen Identitäten. Für all diese hat man nun den Unterstrich eingefügt, was es letztendlich zu Audianer_Innen macht. Wie im Fall der SMS haben auch hier konzernweite Arbeitsgruppen monate- bis jahrelang konzipiert und abgestimmt und rückversichert, bis das Ergebnis reif zur Präsentation war. Ich bin sicher, dass nun eine Menge von woken Leih-Trittrollerfahrern_Innen zügig beim nächsten Audi-Händler_In vorsprechen und eines der Modelle dieser aufgeweckten Firma erwerben wollen.

Oder auch nicht!

Denn das was Audi hier stolz abliefert, ist himmelschreiend, rassistisch und sexistisch:

  1. Der Wortstamm Audianer ist eine Verballhornung des Begriffs Indianer, der stolzen Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, nicht nur ein dreister Plagiat, sondern die sprachliche Version des unsäglichen blackfacing, Pfui Teufel.
  2. Während die konventionellen und überholten Geschlechter männlich und weiblich mit je einem Teilwort repräsentiert sind, wird die Vielfalt der weiteren und ebenso schätzenswerten Modifickationen durch einen dürren Unterstrich zusammengefasst, den man leicht für ein Minuszeichen, also etwas Negatives halten kann. Das ist Diskriminierung hoch drei.

Nun werde ich den Teufel tun und den vielen hochqualifizierten Mitgliedern der diversen Arbeitsgruppen die Arbeit abnehmen und sagen, wie es richtig geht. Ein Tipp muss genügen: Statt Unterstrich könnte man die Sonstigen als Audianer☐Innen aufwerten. Nicht perfekt, aber vier Mal besser als der Strich vorher.

Zum Schluss noch eine Warnung: Alte weisse Männer meinen möglicherweise, dass Frauen mit dem _Innen ganz gut repräsentiert sind. Wollt ihr bei Audi so ein vergiftetes Lob?

Nun gebe ich ja doch noch die ultimative Lösung preis, aus Mitleid: AudiX. Kurz, knapp, präzise, artikulierbar, unangreifbar und nicht diskriminierend.

Im Ernst, wer dieser Verblödungsspirale entgehen will, informiert sich besser hier, in der edition besserpanama.

Oder zieht gleich ins Campo Caribe, hier.

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